Arbeiten trotz Krankschreibung? Interview mit Arbeitsmediziner Matthias Bradatsch von der BG RCI

Matthias Bradatsch, Arbeitsmediziner bei der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI)

Zur Arbeit gehen, obwohl man eigentlich krankgeschrieben ist? Ist man da versichert und worauf sollte man achten? Matthias Bradatsch, Facharzt für Arbeitsmedizin bei der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie, gibt Antworten.

Herr Bradatsch, angenommen meine Hausärztin schreibt mich wegen einer fiebrigen Erkältung eine gute Woche krank. Nach drei Tagen fühle ich mich aber schon wieder fit und gehe arbeiten. Bin ich dann trotzdem gesetzlich unfallversichert?

Bradatsch: Ja, das sind Sie. Die Krankschreibung ist eine Prognose des behandelnden Arztes oder der Ärztin. Sie hat keinen Einfluss auf die Wirksamkeit des Schutzes der gesetzlichen Unfallversicherung. Der greift in jedem Fall – bei der Arbeit und auf dem Weg dorthin und wieder nach Hause. Ein häufiger Irrtum ist auch, es gebe eine „Gesundschreibung“. Die gibt es nicht.

Wenn es grundsätzlich im Ermessen der Rekonvaleszenten liegt, auch vor Ende des Termins auf der AU-Bescheinigung wieder arbeiten zu gehen, worauf sollte man achten?

Bradatsch: Da gilt es zwei wichtige Punkte zu beachten: Der oder die Beschäftigte darf durch die Aufnahme seiner oder ihrer Tätigkeit die eigene Genesung nicht gefährden. Darüber hinaus sollten Betroffene aber auch an die Kolleginnen und Kollegen denken. Bei ansteckenden Krankheiten sollte ausgeschlossen werden, dass sie noch übertragbar sind. Um das einzuschätzen, hilft im Zweifel nur Rücksprache mit dem Arzt.

In einer Pressemeldung hieß es jüngst: Fast jede zweite Führungskraft (45 Prozent) arbeitet auch dann, wenn er oder sie gesundheitlich angeschlagen ist. Geben sie damit ein gutes Beispiel?

Bradatsch: Nein, sie geben meiner Meinung nach kein gutes Beispiel. Abgesehen von den Gefahren für die eigene Gesundheit erzeugen sie einen sozialen Druck auf ihre Belegschaft. Wer wird sich in so einem Klima noch trauen, seinen grippalen Infekt auszukurieren? Bevor man vorschnell wieder zur Arbeit geht, sollte man bedenken: Der Arzt oder die Ärztin hat einen Grund für seine oder ihre Prognose. Er oder sie entscheidet auf der Basis seiner oder ihrer medizinischen Erfahrung.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat jetzt den Vorschlag einer Teilkrankschreibung in die politische Diskussion eingebracht. Vorbild sind einige nordeuropäische Staaten. Wie beurteilen Sie diese Idee?

Bradatsch: Pauschal ist diese Frage nicht zu beantworten. Man muss zwischen verschiedenen Krankheitsbildern differenzieren und dann Vor- und Nachteile gut abwägen. Es gibt Krankheiten – zum Beispiel psychische Probleme – bei denen der Kontakt zur Arbeit eine stabilisierende Funktion haben kann. Oder nehmen wir einen Büroarbeiter, der sich den kleinen Finger bricht, der braucht sicher nicht sechs Wochen zu Hause bleiben. Andererseits muss man sich die Frage stellen: Welche Erwartungen würden damit geweckt? Wir vergessen leicht: Menschen und Krankheiten sind nicht gleich. Sie entsprechen keiner DIN-Norm. Der eine braucht bei einem grippalen Infekt viel Ruhe und Schlaf, die andere ist schon nach kurzer Zeit wieder fit.

Wichtig bei einer Teilkrankschreibung wäre mir deshalb eine enge medizinische Begleitung der Patientin oder des Patienten. Auch die Arbeitsmedizin sollte hier mit einbezogen werden.

Herr Bradatsch, vielen Dank für das Interview!

Das Interview stammt aus dem Blog der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV).

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