Lehrreiche Unfall- und Schadensereignisse

Hier wollen wir Ihnen Unfall- und Schadensereignisse schildern, die auch für Schulungen als Beispiele eingesetzt werden können.


Hautkontakt mit reizendem Gefahrstoff

Gefahrstoff immer ernst nehmen

Ein Mitarbeiter wurde einige Minuten vor dem Ende seiner Schicht durch eine kleine Menge Methyl-4-toluolsulfonat aus einem Schlauch seitlich am Körper getroffen. Eigentlich hätte er nun die benetzte Kleidung ablegen und die betroffene Hautstelle mit Wasser spülen sollen. Da dieser Stoff jedoch „nur“ als reizend eingestuft ist und er keine Beschwerden verspürte, entschied er sich dafür, seine Arbeit rasch noch zu beenden, da er am gleichen Abend noch verreisen wollte. Beim Duschen nach Arbeitsende bemerkte er zwar geringfügige Hautrötungen, trat seine Reise jedoch trotzdem an, ohne dieser besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Am nächsten Tag fuhr er eilends zurück und ins Krankenhaus, da sich die Hautrötung mittlerweile zu einer massiven Zerstörung des Gewebes entwickelt hatte, die eine langwierige und sehr unangenehme Behandlung nach sich zog.

Wie sich auch hier wieder zeigt, ist es unbedingt erforderlich, mit den Gegenmaßnahmen bei einer Kontamination sofort zu beginnen, auch wenn der Stoff scheinbar „harmlos“ ist und man zunächst nichts spürt. Wer zu lange wartet, für den kann das „dicke Ende“ sehr bald nachkommen.

Siehe: Sichere Chemiearbeit 11-1999, Seite 131


Im Fass brodelt es gewaltig

Feuchte Aktivkohle sprengt Spannring

In einem Mitgliedsunternehmen wurde Aktivkohle früher direkt vor dem Einsatz mit Wasser angefeuchtet. Mittlerweile bereitet ein Supportbetrieb am Standort die feuchte Kohle in verschlossenen Edelstahlfässern vor. Ende 2005 kam es zu einem Unfall. An einem 100-Liter-Edelstahlfass mit einer Aktivkohle-/Wasser-Mischung wurde eine leichte Wölbung des Fassdeckels beobachtet. Das Fass war mit einem abgedichteten Deckel, Spannring und Plombe verschlossen. Beim Versuch, den Spannring vorsichtig zu lösen, schleuderte dem Mitarbeiter der Fassdeckel ins Gesicht und verletzte ihn erheblich.

Verschiedene Versuche im Labor und im Betrieb zeigten, dass beim Benetzen oder Anfeuchten von Aktivkohle mit Wasser adsorbiertes Gas freigesetzt wird. Im vorliegenden Fall hatte sich im hermetisch verschlossenen Fass ein Druck von etwa 0,8 bar aufgebaut.

Alle untersuchten Aktivkohlen adsorbieren Gas wie Luft oder Kohlendioxid an ihrer Oberfläche. Durch das Anfeuchten der Aktivkohle mit Wasser oder mit Lösemitteln kann dieses adsorbierte Gas freigesetzt werden. Die freigesetzte Gasmenge ist stark vom ursprünglichen Wassergehalt der Kohle und dem Lösemittel abhängig. Je feuchter die Kohle ist, desto weniger adsorbiertes Gas wird freigesetzt. Organische Lösemittel bewirken in der Regel eine höhere Gasfreisetzung.

Die im konkreten Fall gemessenen Mengen an freigesetztem Gas beliefen sich auf 2,5 bis 7,9 Liter Gas pro Kilogramm Aktivkohle. Unmittelbar nach der Benetzung der Kohle mit Wasser oder einem organischen Lösemittel wird Gas freigesetzt. Diese Reaktion verzögert sich, wenn die vorgelegte Flüssigkeit mit Aktivkohle überlagert wird.

Fazit: Beim Benetzen oder Anfeuchten von Aktivkohle muss immer davon ausgegangen werden, dass adsorbiertes Gas freigesetzt wird. Beim Abfüllen in geschlossene Gebinde muss sichergestellt sein, dass diese sicher druckentlastet sind oder entlastet werden können. In dem Betrieb werden neben weiteren Maßnahmen alle Dichtungen aus den verwendeten Edelstahlfässern entfernt, so dass ein gefährlicher Druckaufbau nicht mehr möglich ist.

Siehe: Sichere Chemiearbeit 7/8/2006, Seite 68


Unerwartet Salzsäuredämpfe freigesetzt

Phosphoroxychlorid und Aceton sind eine gefährliche Mischung

Eine unerwartete und heftige chemische Reaktion zwischen dem Löse- und Reinigungsmittel Aceton und der Chemikalie Phosphoroxychlorid führte in einem Mitgliedsbetrieb zu einem Unfall, der glücklicherweise ohne Personenschaden ablief.

In einem pharmazeutischen Unternehmen wird bei einem chemischen Verfahren Phosphoroxychlorid als Lösungsmittel und Reagenz eingesetzt. Am Tag des Unfalls wurde nach Ende der Synthese­reaktion das überschüssige Phosphoroxychlorid aus dem Reaktions­gemisch abdestilliert, in ein Stahlspundfass mit PE-Einsatz abgelassen und verschlossen gelagert. Etwa zehn Stunden später barst das Fass und riss an der oberen Kante auf. Salzsäuredämpfe entwichen und eine Teilmenge des Phosphoroxychlorids wurde herausgeschleudert.

Durch umfangreiche Laborexperimente konnte das Ereignis auf eine Reaktion von Phosphoroxychlorid mit Aceton zurückgeführt werden. Das Aceton war zuvor in der Produktionsanlage zum Entfernen von Wasser­rückständen verwendet worden. Beim Abfüllen des Phosphoroxychlorids gelangten unvermutete Restmengen des Acetons aus „Toträumen“ der Abfüllleitung und der Pumpe in das Fass.

Untersuchung der Reaktion

Im Sicherheitslabor des Unternehmens wurden in einem adiabatischen Reaktions­kalorimeter Versuche zur thermischen Stabilität der Chemikalien­mischung durchgeführt. Um die Ereignis-Bedingungen möglichst exakt nachzustellen, wurde in einem so genannten Closed-Cell-Test Phosphoroxychlorid mit Aceton überschichtet. Bei einer Starttemperatur von 30 °C überließ man die Mischung ohne Rühren unter Wärmestau-Bedingungen sich selbst. Zunächst stieg die Temperatur etwa zwei Stunden lang kontinuierlich bis auf 55 °C an. Danach wurde ein sich selbst beschleunigender, exponentieller Reaktions­verlauf gemessen: Die Temperatur stieg innerhalb weniger Minuten auf mehr als 180 °C an. Gleichzeitig kam es zu einem sprunghaften Druckanstieg auf fast 50 bar. Nach dem Abkühlen betrug der Druck im Messgefäß noch 4,8 bar und es verblieb eine schwarze Flüssigkeit. Diese ließ auf eine Zersetzung mit Gasabspaltung schließen.

In der Literatur fand sich zunächst kein Hinweis auf die beobachtete Reaktion. Eine aufwändige Suche führte zu einer ähnlichen Unfallmeldung. Dieser Unfall lief jedoch in umgekehrter Reihenfolge ab. In einem amerikanischen Labor war Phosphoroxychlorid destilliert und die verwendete Vakuumpumpe sowie Destillations­gefäße anschließend mit Essigester und Aceton gereinigt worden.

Phosphoroxychlorid, Aceton und Essigester wurden gemeinsam in einen Abfallbehälter geschüttet. Dieser explodierte etwa zwei Stunden später. Sicherheits­technische Untersuchungen ergaben, dass hier das Phosphoroxychlorid mit Aceton in einer verzögerten, stark exothermen Reaktion mit sprunghaftem Druckanstieg reagiert hatte.

Siehe: Sichere Chemiearbeit 2/2005, Seite 19

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