Forum protecT am 5.-6. November 2019 in Bamberg und 11.-12. Februar 2020 in Potsdam

Viele Wege – ein Ziel

„Verkehrssicherheit: Viele Wege – ein Ziel“ war das Motto des 32. und 33. Forum protecT. Vertreterinnen und Vertreter der Mitgliedsunternehmen der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) trafen sich im Dezember in Bamberg und im Februar in Potsdam, um sich jeweils für zwei Tage über Verkehrssicherheitsthemen zu informieren und auszutauschen.

Stellenwert der Verkehrssicherheit

Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer bewegen sich kontinuierlich in einem komplexen System und sind dabei einem hohen Risiko ausgesetzt. Viele von ihnen sind beruflich unterwegs.

Auch durch neue Verkehrsmittel, die im Rahmen der E-Mobilität an Bedeutung gewinnen, steigt die Auslastung des Verkehrswegenetzes in Deutschland stetig. Die Folgen von Unfällen im Straßenverkehr sind häufig schwer und teils tödlich; so stehen Unfälle im Straßenverkehr auch zunehmend im Fokus der gesetzlichen Unfallversicherung.

Die von Dr. Julia Kropf moderierte Veranstaltung begann im November mit einer Begrüßung durch Dr. Harald Wellhäußer, stellvertretender Leiter der Prävention der BG RCI. Im Februar eröffnete Stefan Weis, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der BG RCI die Veranstaltung. Beide versetzten die Teilnehmenden in die Zeit um 1899, als der Rekord von 100 km/h mit einem Auto gebrochen wurde. Heute unvorstellbar, aber damals Realität: Der Wagen hatte keine Bremsen. Glücklicherweise ist das Thema Verkehrssicherheit heute deutlich präsenter und fest in der VISION ZERO-Präventionsstrategie der BG RCI verankert. Dennoch gibt es noch immer zu viele Tote und Schwerverletze bei Wegeunfällen. In Bamberg erläuterte Ute Hammer, Geschäftsführerin Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR), die Bedeutung der Verkehrssicherheit und ging auf die VISION ZERO-Strategie als Basis der Arbeit des DVR ein.

Teilnehmer im Plenum sitzen an Tischen

Die Teilnehmenden des Forum protecT 2019 in Bamberg zeigten besonderes Interesse für Themen wie ein generelles Tempolimit auf Autobahnen oder die Prävention von Fahrradunfällen.

Neurologische und psychologische Aspekte der Verkehrssicherheit

Die Expertin für Neurowissenschaften Dr. Karolien Notebaert begann ihren Vortrag mit einer interaktiven Übung, die allen im Publikum verdeutlichte, dass es im Gehirn nie Ruhe, sondern fortlaufend spontane Aktivität gibt. Das sogenannte „Default Mode Network“ ist wie eine Standardeinstellung im Gehirn und produziert permanent Gedanken.
Im weiteren Verlauf ihres Vortrags erläuterte Dr. Notebaert, dass es von unserer mentalen Leistung abhängt, ob wir in der Lage sind, uns sicher im Straßenverkehr zu bewegen. Es wird eine Selbstregulation benötigt, um „innere Störungen“ zu verhindern. Innere Störungen sind in dieser Situation falsche „Dominante Reaktions-Tendenzen“, also der Impuls, in einer Situation falsch zu reagieren.

Die Wissenschaftlerin erklärt weiter, dass der präfrontale Cortex unsere Stress-Reaktionen reguliert und uns hilft, ruhig zu bleiben und über Handlungen nachzudenken. Er benötigt jedoch einige geistige Anstrengung, um aktiviert zu werden und hat eine limitierte Kapazität. An einem Arbeitstag mit Stress und schlechter Laune wird seine Kapazität kontinuierlich verbraucht, so dass wir danach nicht mehr in der Lage sind verkehrssicher zu fahren. Um dies zu ändern, muss unser Gehirn von der Standardeinstellung, dem „Default Mode Network“, auf das „Direct Experience Network“ umgeschaltet werden.

Für die Aktivierung des „Direct Experience Networks“ gab Dr. Notebaert den Teilnehmenden die Übung „Mindfulness“ mit auf den Weg. Das Publikum probierte das Achtsamkeits-Experiment auch gleich aus: Die Teilnehmenden setzten sich mit geschlossenen Augen in gerader Haltung und legten die Hände auf den Tisch, um diesen ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen und sich danach ganz auf ihre Atmung zu konzentrieren. Mit dieser Übung schaffte es die internationale Rednerin, Stille in den gesamten Saal zu bringen. Die Referentin zeigte den Teilnehmenden so, wie einfach und schnell sich der präfrontale Cortex „boosten“ lässt, was dazu führt, dass das Verhalten im Straßenverkehr weniger impulsiv und stressgeleitet wird.

Mann auf einem Motorradsimulator vor einem Bildschirm, darum herum Menschen in einer Ausstellung

Auf dem Marktplatz testeten viele TeilnehmerInnen ihr Können auf einem Motorradsimulator.

Gute betriebliche Beispiele zur Verkehrssicherheit

In Bamberg beleuchtete der Vortrag von Jörg Beyer, leitende Fachkraft für Arbeitssicherheit bei ExxonMobil und Pascal Friedrich, Advisor Energy Management bei ExxonMobil die Verkehrssicherheit aus Unternehmenssicht. Christian Menke, ExxonMobil Central Europe Deutschland GmbH und Jacob Jörkell, ESSO Vertriebsgesellschaft mbH übernahmen dies in Potsdam. Die Redner zeigten, dass schon kleine Änderungen, wie die Einführung einer „Safety Minute“ vor jedem Meeting, eine große Wirkung haben können. Sie stellten zudem das „Netzwerk junger Fahrer“ als Best Practice-Beispiel vor, das 14- bis 24-Jährige bereits frühzeitig für das Thema Verkehrssicherheit sensibilisiert und ihnen die Bedeutung des Führerscheins und die damit einhergehende Verantwortung vermittelt.

Pascal Friedrich beim Vortrag

Pascal Friedrich von ExxonMobil stellte das Best Practice-Beispiel "Netzwerk junger Fahrer" vor.

Armin Schneider, Sicherheits-Fachkraft bei SAP SE, gab in seinem Vortrag ebenfalls Einblicke in die Unternehmenssicht und klärte über das betriebliche Engagement für sichere Arbeitswege bei SAP SE auf. Er untermalte seinen Vortrag mit konkreten Beispielen wie dem „Bike to Work Month“. In diesem Monat bietet SAP den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern u.a. Tourguides für den Radweg zur Arbeit, Fahrrad- und Gesundheits-Check-Ups und Testfahrten an.

Die Pause zwischen den Vorträgen nutzen die Besucherinnen und Besucher, um sich auf dem Marktplatz an den Themeninseln über Sicherheit auf zwei, vier oder mehr Rädern zu informieren, Fahrsimulatoren zu testen, eine Probefahrt auf einem E-Scooter oder ein EcoSafety Training zu absolvieren. Im November gab es zudem die Möglichkeit, durch eine Probefahrt auf einem E-Scooter ein Gefühl für diese neuen Teilnehmer am Straßenverkehr zu bekommen. Im Februar wurde dieses Thema im Fachdialog „Mit dem E-Scooter sicher unterwegs“ aufgegriffen.

Mittels Virtual Reality Brille wurden auf dem Fahrradsimulator Verkehrssituationen nachgestellt.

Unfallmechanismen schwerer und tödlicher Verkehrsunfälle

Dr. med. Wolfram Hell, Leiter der Medizinisch-Biomechanischen Unfallanalyse des Instituts für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München, zog in seinem Vortrag „Unfalldeterminanten und Unfallmechanismen schwerer und tödlicher Verkehrsunfälle“ u.a. einen Vergleich der Zahlen von Unfalltoten im Straßenverkehr gegenüber dem Flugverkehr und sprach sich klar für eine systematische Prävention und interdisziplinäre Zusammenarbeit aus.

Stefan Pfeiffer, Polizeidirektor und Dienststellenleiter der Verkehrspolizei Feucht rüttelte die Teilnehmenden in Bamberg wie in Potsdam auf. Noch bevor der Referent die Bühne betrat, zeigte er einen Film, in dem Raser von ihren Freunden und der Familie gebeten werden, langsamer zu fahren – auf einer Veranstaltung, die als ihre eigene Beerdigung inszeniert war. Dies war der zweite Moment, in dem absolute Stille in den großen Vortragssälen herrschte.
Pfeiffers Vortrag berührte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer merklich emotional, da er sehr anschaulich von Fällen aus seinem Berufsalltag berichtete. Auch für ihn ist ein generelles Tempolimit ein entscheidender Faktor, um die Straßen sicherer zu machen.

Anschließend waren es noch einmal Videos, die das Publikum den Atem anhalten ließen. Der Polizeidirektor zeigte Unfälle, die zum Teil mit einer Dashcam, einer Kamera, die im Auto während der Fahrt frontal aufzeichnet, dokumentiert wurden. Diese Einblicke vermittelten den Betrachtern das Gefühl, den Unfall selbst mitzuerleben und sensibilisierten für die Brisanz der Thematik.

Am Beginn des zweiten Tags fragte die Moderatorin die Teilnehmenden nach ihren Erfahrungen mit dem EcoSafety Training. Alle Befragten gaben an, durch das Training bewusster zu fahren und mehr auf Fahrradfahrer zu achten.

Dr. Wolfram Hell vor der Projektion seines Vortrags

Dr. med. Wolfram Hell nennt als wichtigen Punkt für die Zukunft den Dialog zwischen Unfallforschung, Fahrzeugindustrie, Straßenbau und Politik.

Prävention von Fahrradunfällen

Kay Schulte, DVR-Referatsleiter Unfallprävention - Wege und Dienstwege hielt den ersten Vortrag des zweiten Tages. Das Thema seines Vortrags „Prävention von Fahrradunfällen“ knüpfte an den Vortag an und regte das Publikum zu einer Diskussion über Alleinunfälle und ihre Vermeidbarkeit an.
„Detailauswertung und Rekonstruktion von Verkehrsunfällen“ war das Thema des Vortrags von Henrick Liers, Geschäftsführer, Verkehrsunfallforschung an der TU Dresden. Sein Hauptaugenmerk richtete sich ebenfalls auf Unfälle mit Fahrrädern und wurde mit konkreten Fallbeispielen unterfüttert.
Dr. Tina Gehlert, Verkehrspsychologin und Leiterin des Bereichs Verkehrsverhalten bei der Unfallforschung der Versicherer (UDV), stellte daran anknüpfend in ihrem Vortrag die Verkehrssicherheit von Elektrofahrrädern in den Mittelpunkt.

Neben den Vorträgen gab es am zweiten Veranstaltungstag jeweils Fachdialoge, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit hatten, mit Expertinnen und Experten zu Themen der Verkehrssicherheit ins Gespräch zu kommen. Behandelt wurden u.a. Fragen zur Gefährdungsbeurteilung im Berufsverkehr und neuen Wege der Verkehrssicherheit.

Dr. Tina Gehlert am Rednerpult

Die promovierte Verkehrspsychologin Dr. Tina Gehlert erläutert in ihrem Vortrag die Verkehrssicherheit von Elektrofahrrädern.

Mobilitätsmanagement

Nach den Fachdialogen sprach in Bamberg Sebastian Bader vom Auto Club Europa (ACE) im Plenum. Der Vortrag „Gesündere, wirtschaftlichere und nachhaltigere Arbeitswege mit Mobilitätsmanagement“ zeigte Möglichkeiten für Unternehmen auf, ein Mobilitätsmanagement umzusetzen. Stefan Haendschke, ACE-Projektleiter Mobilitätsmanagement, widmete sich diesem Thema in seinem Vortrag in Potsdam.

Zum Abschluss der zweitägigen Veranstaltung in Bamberg betrat Dr. Wellhäußer die Bühne und richtete ein persönliches Wort an alle Zuhörenden. Er ging darauf ein, dass Unfälle im Straßenverkehr weder schicksalhaft noch unvermeidlich sind. Auch Statistiken, die die Zahl der Verkehrstoten in Verhältnisse und Relationen setzen, sind nur bedingt nötig, denn jeder einzelne Verkehrstote ist einer zu viel.

Dies war auch eine der Kernaussagen von Stefan Weis, der das Schlusswort der Potsdamer Veranstaltung hielt. Er ging zudem auf die Präventionsstrategie VISION ZERO ein. Deren Ziel ist es, die Arbeitswelt in den Betrieben und auf der Straße so zu gestalten, dass niemand getötet oder schwer verletzt wird. „Jeder Unfall ist vermeidbar“, erinnerte Weis.

Mann blättert ein Flipchart um, darauf handschriftliche Notizen

In den Fachdialogen besprachen die Teilnehmenden mit ExpertInnen Themen der Verkehrssicherheit.

Mit Sicherheit gewonnen

In Potsdam schloss sich an die Vorträge noch die feierliche Preisverleihung des Plakatwettbewerbs zum Thema Verkehrssicherheit der BG RCI an. Thomas Köhler, Hauptgeschäftsführer der BG RCI, kürte die Gewinnerinnen und Gewinner und präsentierte dem Publikum die preisgekrönten Plakate.

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Weiter ging es feierlich mit der Preisverleihung des Arbeitsschutzpreises des Bundesverbandes Mineralische Rohstoffe (MIRO).