Würzburger Tabelle 2020

Abfindung von zivilrechtlichen Personenschadenersatzansprüchen

Werden Personenschadenersatzansprüche abgefunden, hat die Wahl des Abfindungszinssatzes einen großen Einfluss auf die Höhe des Abfindungsbetrages. Ein hoher Abfindungszins führt zu einer geringen Abfindungszahlung und liegt damit im Interesse des Zahlungspflichtigen (Schädiger). Umgekehrt liegt ein niedriger Abfindungszins im Interesse des Geschädigten, weil er dadurch eine höhere Abfindungssumme erhält.

Angesichts der mittlerweile seit nahezu 20 Jahren anhaltenden Niedrigzinslage, mit Nullzinspolitik und, schon lange vor der Sars-CoV-2-Krise, keiner Aussicht auf Veränderung in den nächsten 10 Jahren (bspw. H.-W. Sinn in Focus-Money 9/16, S. 36) gewinnt die Abfindungskalkulation mit einem angemessenen Zins immer größere Bedeutung.

Dies war auch Thema des Verkehrsgerichtstages 2019 in Goslar, der sich in seinem Arbeitskreis IV mit der Abfindung von Personenschäden und vergleichsweisen Regulierung befasst hat und u.a. derzeit einen Zinsfuß „von höchstens 3% bei der Kapitalisierung als Orientierungshilfe“ für die Praxis und konkret die weitere Entwicklung des Schadenfalles auch der Höhe nach durch die Berücksichtigung einer Dynamisierung empfahl:

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Auch der inflationsbedingte Wertverlust spielt bei der Einschätzung des künftigen Schadenverlaufes eine Rolle. Schließlich wird die Abfindungssumme während der Laufzeit, für die eine Kapitalisierung der Ansprüche erfolgt, durch den Kaufkraftverlust gemindert. Am Ende steht dem Anspruchsberechtigten für die Abfindungslaufzeit ein deutlich geringerer Betrag zur Verfügung als angenommen, kalkuliert bzw. erhofft. Es droht somit auch hier eine Deckungslücke.

Um diese Lücke zu schließen, ist der Abfindungszins (= Nominalzins) um den Kaufkraftverlust zu mindern. Dadurch erhält man den Realzins. Mit diesem kann die Deckung des Schadens über die gesamte Laufzeit gesichert werden.

Die Auswirkungen dieser Korrelation zeigen sich in der jüngeren Vergangenheit besonders deutlich: Die wirtschaftlichen Variablen waren viele Jahre schon vor der Corona-Krise nach der Jahrtausendwende aus einem Rahmen ausgebrochen, der vorher als stabil eingeschätzt wurde. Eine Folge dieser Entwicklung ist ein negativer Realzins, d.h. kleiner Null. Dieser Effekt verstärkt sich allein schon durch die bisher verfolgte Politik der Notenbanken (Zielmarke der EZB: konstant 2% Inflation), die Lohnzuwächse und Preissteigerungen bei den Rohstoffen wieder zunehmen. Kalkulatorische negative Realzinsen waren und sind aber an und für sich nicht ungewöhnlich (vgl. Coen, Der negative Basiszinssatz nach § 247 BGB in NJW 2012, 3330), jedoch in der mittlerweile anhaltenden Ausprägung historisch beispiellos. Dem folgend muss der Realzins bei der Wahl des Abfindungszinses konsequent kalkuliert bzw. festgelegt werden, um wirtschaftlich angemessene und für beide Vergleichsparteien nachhaltig gerechte Ergebnisse bei der Abfindungskalkulation zu erhalten.

An dieser bestehenden geldpolitischen Situation, in der keine Zinsen gezahlt oder Geldanlagen mit einem Strafzins belegt werden, hätte sich mittel- und langfristig aller Voraussicht nach nichts geändert oder ändern können (bspw. Gunther Schnabl: „Die Zinsen werden für Jahrzehnte bei null liegen“, FOCUS 32/2019, S. 55).

Die weltweit wirkende, und derzeit in ihren Folgewirkungen unabsehbare Corona-Krise birgt, davon wird man ausgehen müssen, starke inflationäre Tendenzen.

Auch vor diesem Hintergrund muss die Abgeltung der zivilrechtlichen Ansprüche für die Zukunft bedacht und angemessen – beispielsweise durch einen besonderen Risikozuschlag auf die kalkulatorisch retrospektiv berechnete Abfindungssumme – kalkuliert und realisiert werden, um als Anspruchsberechtigter wenigstens die Chance zu haben, die laufenden Ansprüche für die Laufzeit zu decken.

Wenn zwischen Berechtigtem und Verpflichtetem eine Kapitalisierung durchgeführt werden soll und kann, muss andererseits bedacht werden, dass wegen der aktuell durch Covid-19 völlig offenen weiteren, und schon jetzt viele Menschen existenzbedrohenden Entwicklung (schon allein auf dem Beschäftigungsmarkt), sämtliche Kalkulations- und Planungsgrundlagen in eine Zeit vor der Corona-Krise und eine solche ab (nach) der Krise aufgesplittet werden müssen.

Grafik: Realzinsverlauf der letzten 30 Jahre

Realzinsverlauf der letzten 30 Jahre (Anklicken vergrößert die Abbildung)

Die Würzburger Tabelle setzt diesen Ansatz um. Sie basiert auf den Werten der Deutschen Bundesbank für Umlaufrenditen der öffentlichen Hand der vergangenen 30 Jahre (Zeitreihe WU 0004), und auf dem vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Verbraucherpreisindex der Bundesrepublik Deutschland.

Im Ergebnis spiegelt die Würzburger Tabelle den Verlauf der Vergangenheit für die (Abfindungs-)Zukunft, jeweils bezogen auf die gleiche Zeitdauer (= Laufzeit).

Zur Vertiefung wird auf die Beiträge von Kornes in der Zeitschrift „Recht und Schaden“, Heft 12/2003, Seite 485 bis 493 und Heft 1/2004, Seite 1 bis 8 und „Versicherungsrecht“ Heft 19/2015, S. 794-809 verwiesen.

In der folgenden Tabelle ist ab 1993 – im Gegensatz zu der in der Fachpublikation veröffentlichten Tabelle – der Preisindex für die Lebenshaltung aller privaten Haushalte im wiedervereinigten Deutschland berücksichtigt.

Laufzeit Zukunft (Jahre)Bewertungszeitraum von … bis 2019Summe der Realzinssätze im BewertungszeitraumRealer Durchschnittszins in Prozent
12019-1,2-1,2
22018-1,2 - 1,5 = -2,7-1,4
32017-2,7 - 1,6 = -4,3-1,4
42016-4,3 - 0,5 = -4,8-1,2
52015-4,8 + 0,1 = -4,7-0,9
62014-4,7 + 0,2 = -4,5-0,8
72013-4,5 - 0,1 = -4,6-0,7
82012-4,6 - 0,7 = -5,3-0,7
92011-5,3 + 0,4 = -4,9-0,5
102010-4,9 + 1,4 = -3,5-0,4
112009-3,5 + 2,8 = -0,7-0,1
122008-0,7 + 1,5 = 0,80,1
1320070,8 + 2,0 = 2,80,2
1420062,8 + 2,3 = 5,10,4
1520055,1 + 1,6 = 6,70,4
1620046,7 + 2,2 = 8,90,6
1720038,9 + 2,7 = 11,60,7
18200211,6 + 3,2 = 14,80,8
19200114,8 + 2,8 = 17,60,9
20200017,6 + 3,9 = 21,51,1
21199921,5 + 3,7 = 25,21,2
22199825,2 + 3,4 = 28,61,3
23199728,6 + 3,1 = 31,71,4
24199631,7 + 4,3 = 36,01,5
25199536,0 + 4,7 = 40,71,6
26199440,7 + 4,1 = 44,81,7
27199344,8 + 1,8 = 46,61,7
28199246,6 + 2,9 = 49,51,8
29199149,5 + 5,0 = 54,51,9
30199054,5 + 6,3 = 60,82,0

Anwendung der Tabelle

Mit Hilfe der Würzburger Tabelle kann auf einen Blick der für eine Abfindung heranzuziehende, reale Tabellenzins für sämtliche Laufzeiten ermittelt werden.

Beispiel 1 – Laufzeit 10 Jahre

In Spalte „Laufzeit“ 10 Jahre, in Spalte „realer Durchschnittszins“ den Wert ablesen: -0,4 %

Beispiel 2 – Laufzeit 30 Jahre

In Spalte "Laufzeit" 30 Jahre, in Spalte "realer Durchschnittszins" den Wert ablesen: 2,0 %

Anschließend kann mit diesem „realen“ Abfindungszins der Faktor aus den allgemein veröffentlichten Abfindungstabellen (Zeitrententabelle) abgelesen bzw. ermittelt werden.

Anpassung der Tabelle

Die Tabelle wird einmal jährlich angepasst, sobald die Daten des Statistischen Bundesamts (Preisindex) und der Deutschen Bundesbank (Umlaufrendite) für das abgelaufene Kalenderjahr veröffentlicht wurden.

Die Tabelle wurde mit Sorgfalt erstellt. Eine Gewähr für die Richtigkeit der Zahlen kann dennoch nicht übernommen werden.

Alle Informationen zur Würzburger Tabelle können Sie nachfolgend auch als PDF Datei herunterladen