BG RCI Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie Vision Zero. Null Unfälle – Gesund arbeiten!
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Zehn Jahre mit „verhaltensorientierter Sicherheit“

Mehr als acht Jahre liegt der letzte meldepflichtige Arbeitsunfall im Werk Bitterfeld-Wolfen des Chemiebetriebs Nouryon (ehemals AkzoNobel Specialty Chemicals) zurück.

 

Mehr als acht Jahre liegt der letzte meldepflichtige Arbeitsunfall im Werk Bitterfeld-Wolfen des Chemiebetriebs Nouryon (ehemals AkzoNobel Specialty Chemicals) zurück. Zur gestiegenen Sicherheit hat der sogenannte „Behavior Based Safety“-Prozess (BBS), übersetzt „verhaltensorientierte Sicherheit“, beigetragen. Dieser wurde vor gut zehn Jahren in dem Werk eingeführt.

Seit 1997 ist Nouryon am Standort Bitterfeld-Wolfen mit rund 80 Beschäftigten vertreten. Das Unternehmen betreibt dort eine Chlor-Alkali-Elektrolyse nach dem Membranverfahren. Die Anlagenkapazität beträgt circa 90.000 Tonnen Chlor, 101.500 Tonnen Natronlauge und knapp 30 Millionen Norm-Kubikmeter Wasserstoff pro Jahr. Infolge der teilweise sehr korrosiven Materialien werden hohe Anforderungen an Ausrüstung, Mess- und Sicherheitstechnik gestellt.

Arbeitssicherheit

„Wir möchten nicht, dass sich jemand bei der Arbeit, auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause verletzt.“ Dieser Satz hat eine große Bedeutung an allen Standorten des Unternehmens. Dafür wird das Ziel von null Verletzungen, Abfall und Schädigungen der Umwelt verfolgt. Um diese Vision zu realisieren, basiert das Handeln bei dem Chemieunternehmen auf sechs verschiedenen Säulen: Arbeits-, Prozess- und Produktsicherheit, Umweltschutz, Gesundheit sowie Security. Den Sockel bilden kontinuierliche Verbesserung und die stete Weiterentwicklung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie von Prozessen und Produkten.

Verhaltensorientierte Sicherheit

Zur Erhöhung der Arbeitssicherheit wurde der BBS-Prozess eingeführt. Die Abkürzung steht für „Behavior Based Safety“ und kann mit „verhaltensorientierter Sicherheit“ übersetzt werden. Dieser Prozess ist ein wichtiger Bestandteil der sechs Säulen. Der Gedanke dahinter: Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter kann sich in jeder Situation entscheiden, ob er beziehungsweise sie sich sicher oder unsicher verhält. Oft verhält man sich unsicher, weil man es so gewohnt ist, es nicht bewusst wahrnimmt oder es scheinbare Vorteile bringt (es beispielsweise vermeintlich schneller ist). BBS soll helfen, sichere Verhaltensgewohnheiten zu entwickeln. Mitarbeitende bestärken sich durch positives Feedback bei sicherem Handeln untereinander und finden gemeinsam Lösungswege für riskante Verhaltensweisen.

Die Einführung

Im Herbst 2006 begann Nouryon weltweit mit der Einführung des BBS-Prozesses. Ein Projektteam erstellte am jeweiligen Standort eine Übersicht über kritische Verhaltensweisen. Gleichzeitig wurde das Team geschult: in der Durchführung von Begleitungen und deren Dokumentation, in der Kommunikation mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über sichere und riskante Verhaltensweisen sowie in der Erhebung und Auswertung von Daten. Im März 2007 fand die erste Begleitung in Bitterfeld-Wolfen statt. Das bedeutet: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begleiten einander gegenseitig bei ihren Tätigkeiten und bewerten sich anhand bestimmter Kriterien. Das Projektteam wurde zur sogenannten Steuergruppe. Zu deren Aufgaben gehört es, für Bedenken der Beschäftigten ein offenes Ohr zu haben, über Verbesserungen nachzudenken, Fragen zu beantworten und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Feedback zu geben.

In den 2007 durchgeführten Begleitungen wurden 2.161 Verhaltensweisen als sicher und 42 als riskant identifiziert. Das entspricht 98 Prozent sicherem Verhalten. Die Steuergruppe trifft sich einmal im Monat und überprüft unter anderem, wie sich der BBS-Prozess entwickelt, wie viele Begleitungen durchgeführt wurden und welche Qualität diese hatten. Daneben ist die Analyse der gesammelten Daten und die Lösung der daraus resultierenden Probleme eine wichtige Aufgabe. Ende 2007 wurde ein erstes internes Audit durchgeführt. Der Prozess war demnach gut implementiert. Um ihn weiterzuentwickeln, sollten unter anderem zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschult, die Anzahl der Begleitungen sollte erhöht und die Beschäftigten sollten mehr in den Prozess einbezogen werden.

Mann und Frau sitzen an einem Tisch und schreiben.

Auswertung einer BBS-Begleitung: Ein Beobachter und eine Mitarbeiterin sprechen über die Ergebnisse. Foto: AkzoNobel

Bilanz

Heute, mehr als zehn Jahre nach der Einführung, sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgebildete Begleitende. Auch die Fremdfirmen und Kontraktoren sind in den Prozess eingebunden. Das Ergebnis: Der letzte meldepflichtige Unfall in Bitterfeld-Wolfen ereignete sich vor mehr als acht Jahren. Die Beschäftigten passen aufeinander auf und nutzen das Feedback, um ihre Arbeit täglich sicherer zu gestalten. Dr. Jörg Przygodda, der bei der BG RCI als Aufsichtsperson für den Betrieb zuständig ist, lobt daher dessen Bemühungen in Sachen Arbeitssicherheit: „Das Unternehmen ist innerhalb des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen einer der Betriebe mit ,Leuchtturmcharakter‘. Die Bemühungen der Unternehmensleitung, durch ein strukturiertes, langfristiges Programm zur Arbeitssicherheit und unter konsequenter Einbeziehung aller Beschäftigten die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz zu erhöhen, zeigen ihre Wirkung. Meines Erachtens ist der ausschlaggebende Aspekt für den Erfolg das ausgeprägte Sicherheitsbewusstsein der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das durch den langjährigen BBS-Prozess entwickelt wurde, und mir bei meinen Betriebsbesichtigungen regelmäßig auffällt. Das sind genau die Ansätze, die wir im Rahmen unserer Vision Zero-Strategie verfolgen, sozusagen ,gelebte Vision Zero‘. Anderen Betrieben zeigt dies, dass die Vision Zero nicht nur eine Vision bleiben muss.“

 

Eine Bilanz von zehn Jahren BBS im Werk Bitterfeld:

  • 5.620 Begleitungen wurden durchgeführt, das entspricht durchschnittlich 1,5 Begleitungen pro Tag.
  • 738 kritische Verhaltensweisen/Hindernisse wurden festgestellt.
  • 98 Prozent der festgestellten Hindernisse wurden beseitigt.

 

Dieser Artikel wurde publiziert im BG RCI.magazin 1/2 2019